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Es waren einmal die Bremer Stadtmusikanten in Sülz ... (Chronik)

Klaus Grube ⌂ @, Hellenthal, Donnerstag, 09.05.2019, 14:43 (vor 216 Tagen) @ hütchen

Hier der Künstler der die Holzfigur schnitze...

Fritz Bernuth (* 19. Januar 1904 in Elberfeld; † 22. Mai 1979 in Wuppertal) war ein deutscher Bildhauer und Porzellandesigner.

Fritz Bernuths „Hauptfach", sein Ansatz bildnerischer Tätig-
keit ist die Tierplastik: nach eigener Auskunft eine Neigung,
die sich bis in seine früheste Kindheit nachweisen läßt.
In einem Alter, in dem mancher Spielgefährte mit einer
Lebensstellung bei der eben erst zehn Jahre alten Schwebe-
bahn liebäugeln mochte (später dann vielleicht unglücklicher-
weise eine väterliche Textilfabrik übernehmen mußte), hat
der fünfjährige Bernuth unermüdlich Tiere geformt und es
später auch noch gewagt, damit „sein Leben zu machen". —
Diese Vorgeschichte einer „Berufswahl" scheint mir er-
wähnenswert, weil sie ebenso untypisch für jedermann wie
typisch für Fritz Bernuth ist und für die Art, wie er seine Arbeit
anfaßt. Da gab es keine „Hinwendung zur Tierplastik"
irgendwann, nicht die ratenden Mäzene, die sagten „du
mußt ..., keinerlei Bekehrung mittendrin, sondern die aus
der Kindheit hinübergerettete und seither stetig verfolgte Idee,
Tiere zu „machen, wie sie wirklich sind".

Die Konkurrenz in diesem Metier ist, wie zunächst scheint,
enorm; weniger von den Lebenden, als von Toten: Jahr-
tausendelang haben Menschen Tiere dargestellt, um ihnen auf
die Spur zu kommen; als Götterbilder, Schriftzeichen oder
auch Hausgerät, auf Wappen, Kneipenschildern und Fabrik-
marken figurieren Tiere seit Menschengedenken; und diese
Domestizierung ließ sie mit der Zeit heraldisch-ornamental
erstarren oder sich platterdings vermenschlichen: selten
haben Künstler die Balance so sicher gehalten wie die
Ägypter des alten und mittleren Belches. — Tiere so machen,
wie sie wirklich sind — unter diesem Aspekt schrumpft die
geschichtliche Konkurrenz nun beträchtlich zugunsten von
Fritz Bernuth; denn Voraussetzung für solches Machen ist,
daß man sie zunächst so sieht, wie sie wirklich sind.
Um Tiere aber so sehen zu können, muß man sie und ihr
Verhalten genau beobachten und dabei möglichst alles ver-
gessen, was Menschen ihnen im Lauf der Zeit an Eigen-
schaften angedichtet und in sie hineingesehen haben. Tiere
schließlich so zu „machen, wie sie wirklich sind", heißt:
mit einer ganzen Kette künstlerischer Formvorstellungen un
Traditionen zu brechen, heißt ständig neu ansetzen, eigene
Erfahrungen und formale Lösungen immer wieder an der
Wirklichkeit messen; heißt letztlich: sich nur auf zweierlei
verlassen zu können, nämlich auf die eigene Wahrnehmung
und die eigene bildnerische Fähigkeit. Tierbildhauerei die
Spezies basiert nicht auf der skizzierten jahrtausende-
alten Tradition, sondern reicht erst knapp hundert Jahre
zurück: zu jenen „Realisten", die unter dem Eindruck von
Wissenschaften und Technik des „bürgerlichen Zeitalters"
Grundlagen und Funktion ihrer Kunst neu formulieren mußten.
Die besten Resultate dieser kunstinternen „Inventur" — sach-
bezogene Beobachtung der Wirklichkeit und ihre material-
gerechte Formulierung — wurden maßgebend auch für die
Kunst unseres Jahrhunderts.

Seiner eigensten Veranlagung folgend, konnte sich Fritz
Bernuth ein solches künstleriches Programm vollkommen
Zu eigen machen. Von Anfang an war „Therorie“ für ihn im
Ursprünglichen Sinn des Wortes die „Anschauung“: die
Ständige Beobachtung seiner „Objekte“ der Tiere (schon als
Kind hatte er übrigens seine Tiere offensichtlich schon als
„Objekte“ betrachtet: den Figürchen die er machte, fehlten
Augen – ein „Subjekt“! müßte Augen haben!) Diese Studie
einzelner Tierarten ziehen sich meist über Jahre hin und
erstrecken sich weniger auf die anatomische Form, als viel-
mehr auf die Lebensgewohnheiten. Bernuth registriert hier
wie ein Wissenschaftler (unnötig fast, zu erwähnen, daß er es
an biologischen Kenntnissen inzwischen mit einem Ver-
haltensforscher aufnehmen kann): Skizzen, Zeichnungen vor
der Natur gibt es bei ihm nicht; Ziel seiner Beobachtungen ist
nicht die Momentaufnahme, sondern eine Summe von
Informationen über das Charakteristische, Wesentliche seiner
Studienobjekte. Is Bildhauer reagiert Fritz Bernuth also
niemals unmittelbar vor dem Objekt, sondern irgendwann
einmal später in seinem Atelier, wenn er längst die Summe
seiner Beobachtungen gezogen hat. Dann aber ist er mit
derselben Ausschließlichkeit Bildhauer, Handwerker wie er
vorher Beobachter und Forscher war; die bildnerische Praxis
Bernuths vollzieht sich als exakter Parallelprozeß zu seinen
Studien. Auch im Werkstattbereich gibt es keine vorbereiten-
den Zeichnungen; „skizziert" wird unmittelbar in Ton oder
Gips, und von vornherein mit dem Ziel, die Summe der
Beobachtungen auf eine gültige bildnerische Formel zu
bringen. Für eine solche bildnerische Formulierung seines
„Begriffs" von einer Tierart hat er, wie er gesteht, oft so viel
Zeit verwenden müssen, wie es vorher gedauert habe, durch
stetige Beobachtungen auf eben diesen „Begriff" zu kommen.
Dieser „Begriff" ist — kunsttheoretisch gesehen— eine kantige
Sache: ein Abstraktum, nicht recht zu fassen; er pendelt
zwischen „Kunst" und „Leben", trägt Züge von Platons
„Idee", kommt aber nicht vom Himmel; am Ende ist er ganz
handfest als Leistungskriterium gemeint, als selbstgesetzter
Maßstab. Jedenfalls liegt hier der Grund für die Zähigkeit,
mit der Bernuth einmal gefundene Formulierungen ständig
revidiert, korrigiert und oft in mehreren Fassungen durch alle
Materialien und Formate gleichsam „dekliniert". Nur beim
„Machen" — scheint es — entscheidet sich die Kongruenz von
Wirklichkeit und Vorstellung, ergibt sich das Ideal eines
wirklichen, wesentlichen Abbildes.

Ende der fünfziger Jahre gewinnt das „Machen" noch einmal
besonderes Gewicht im Oeuvre Bernuths. Die gewohnte
Klausur in der Werkstatt, die ständige Suche nach Formeln
für figürliches Abbilden führten ihn wie selbstverständlich in
ein Gebiet, dem er zuvor stets skeptisch begegnet war: die
Abstraktion. Möglicherweise hatte schon vorher, kurz nach
Kriegsende, ein Lehramt an der Holzschnitzerschule
Berchtesgaden seinen Widerstand gegen Nicht-Figürliches
insgeheim brechen können; und vielleicht wird man einmal
die damals entstandenen Gebrauchsgegenstände — Holz-
bestecke, Schüsseln etc. — als seine ersten abstrakten
Arbeiten und als Vorstufen für Späteres ansprechen — Tat-
sache ist, daß er kurze Zeit danach, schon in Wuppertal
ansässig, „frei schaffend" die ersten Skulpturen machte, die
kein „Abbild" mehr waren: der "Begriff" wurde als medium.
comparationis entlassen, die Formel präsentierte sich als
autonomes Gebilde. Interessant die Zwischenstufe: der
plastisch gebildete „Satz des Pythagoras".; ein Spiel mit dem
Begriff der „Formel". „Das Quadrat über der Hypotenuse
ist wiederholen Sie, Bernuth!...": Bernuth wiederholte;
in fast zehn Fassungen, vom Modell bis zur Monumental-
plastik. Danach wurde Handwerkliches, wie Schwalben-
schwanzverbindungen, statische wie ästhetische Ausgewogen
heit, unmittelbar zum Motiv: der Diener wurde sozusagen
zum Herrn. Das Oben konnte — entsprechend jederzeit
zum Unten werden: eine Reihe von „Umstellskulpturen" hatte
mehrere Standflächen. Martialische Gebilde wie die
„Spanischen Reiter" entstanden: raumgreifende Holzgefüge
von spontan einleuchtender Sperrigkeit. — Es sah alles aus
nach Revolution, zumindest nach Revolte im Atelier. War der
Tierbildhauer Fritz Bernuth ihr vielleicht zum Opfer gefallen?

Die Antwort darauf kam während der Vorarbeiten zu dieser,
ihm zum „siebzigsten" gewidmeten kleinen Schrift: Ich hatte
mich mit Fritz Bernuth in seinem Atelier verabredet und traf
ihn, wie er zwischen den Holzgefügen saß und an einer
„Wildsau mit sieben Frischlingen" arbeitete: „Sehen Sie
das Ding liegt jahrelang hier herum; heute hab' ich's mir
noch mal vorgenommen; ich glaube, jetzt ist es fertig ...
Die Frischlinge übrigens hatten keine Augen!

J.H.M
Textauszug zur Ausstellung vom 5.1.1974 - 10.2.1974
Suse u. Fritz Bernuth
Wuppertal, Von der Heydt Museum
Verzeichnis der Skulpturen 1919 - 1973

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Mit lieben Grüßen euer Klaus
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