Avatar

Karneval 1949 (Chronik)

hütchen @, köln, Donnerstag, 27.09.2018, 18:49 (vor 325 Tagen)
bearbeitet von Klaus Grube, Donnerstag, 27.09.2018, 19:04

ich wusste gar nicht, dass wir so oft närrischen staatsbesuch hatten ;)
es heißt, dass "Zumindest bis Anfang der 60er Jahre ..." das dreigestirn jährlich zu besuch kam.

bin gerade eben über den ersten besuch des dreigestirns bei uns gestolpert. 1949
walter-dick-archiv: "Dieses Foto wurde im Waisenhaus in Sülz (Kinderheim Köln-Sülz) aufgenommen. (Siehe Link unten.) Zumindest bis Anfang der 60er Jahre kam das Dreigestirn zu Besuch in das Städt. Waisenhaus am Sülzgürtel . Der Termin war jedes Jahr der Karnevalssonntag gegen 15.00 Uhr. Und die Sülzer Pänz versammelten sich am Eingang, um die Ankunft der hohen Herren zu bestaunen. Der damalige Prinz Karneval hieß Theo Röhrig."
https://www.walter-dick-archiv.de/wda312-001

Auch einer der Unsrigen, Horst Richartz (18.10.1926 - 29.02.2016), war bei dieser Sitzung dabei, als Büttenredner. [image]

in diesem jahr zog auch der erste rosenmontagszug nach dem 2. weltkrieg durch unsere straßen.
Dazu schrieb Carl Dietmar, KstA 17.07.2015:
Köln nach dem Zweiten Weltkrieg Wie der erste Rosenmontagszug nach dem Krieg durch Köln zog

Köln - Tünnes und Schäl als Pazifisten – sie halten ein Plakat mit einem Gedicht hoch: „Für ewigen Frieden – Hück sin gestorve: Zwietrach un Sorge. Kummer un Nut – all die sinn dut!“ Ähnlich friedliebend äußert sich die Galionsfigur der Narren, Prinz Theo I. – „Menschen, die sich freuen können, haben nur einen Wunsch: in Frieden leben zu können.“

Es ist ein Vorfrühlingstag, jener 28. Februar 1949, es schneit allerdings ein wenig, als zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder ein Rosenmontagszug durch die Stadt geht – durch eine Stadt, die noch weitgehend in Trümmern liegt. Der Zug ist gerade mal 1,6 Kilometer lang, er besteht aus 20 Gruppen und 15 Wagen. Und er heißt auch nicht „d’r Zoch“ – angesichts der allgemeinen Notlage und mit Rücksicht auf die britischen Besatzer, die den kölschen Spaß an der Freud argwöhnisch beäugen, haben die Karnevalisten dem Zug den verharmlosenden Titel „Erweiterte Kappenfahrt“ gegeben (der Name schließt an die „Kappenfahrt“ von 1927 an, dem ersten Rosenmontagszug nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der britischen Besatzung). Doch allen Widrigkeiten zum Trotz stehen Hunderttausende Menschen am Zugweg und sind froh und glücklich, weil sie endlich wieder Karneval feiern können. Der allgemeinen Stimmungslage entspricht das Zugmotto „Mer sin widder do un dun, wat mer künne.“

„Die Stimmung war einfach toll, fantastisch.“ Paula Filz, Jahrgang 1931, erinnert sich, dass sie mit Familie und Freunden – „wie immer“ – an der Mauer von St. Gereon den Zug guckte. „Auf der anderen Straßenseite standen die Leute auf den Trümmern und jubelten.“ Ihr Vater Eduard Balke ist damals mit Freunden aus dem Gesangverein „Polyhymnia“ im Zug vertreten, sie nennen sich „Bund Deutscher Maggler“ – „die hatten sogar ihr eigenes Magglerlied“.

Zugleiter auf geliehenem Auto
Auf einem geliehenen Auto steht derweil der Zugleiter am Ausgang des Neumarktes, auch er ist überwältigt: „Ich sah die Menschen, die sich unbändig freuten und denen doch die Tränen in den Augen standen. Sie winkten aus ausgebrannten Fensterhöhlen der Ruinen – rührende Szenen von Freud und Leid wiederholten sich ungezählte Male. Köln war närrisch und erschüttert zugleich.“ Der Mann ist erst ein paar Tage im Amt, aber ein altgedienter Karnevalsfunktionär – Thomas Liessem, vor dem Krieg Präsident des Festausschusses des Kölner Karnevals.
In Liessems erste Amtszeit als Narrenchef – zwischen 1954 und 1963 wird er erneut Festkomiteepräsident – fällt das dunkelste Kapitel der Geschichte des Kölner Karnevals. In der NS-Zeit haben sich die Jecken nämlich keineswegs mit Ruhm bekleckert; und es war Liessem, der bereits im Mai 1931 Mitglied der NSDAP geworden war, der eng mit den Nazis kooperierte. 1935 hatten die Karnevalisten sich mit Unterstützung des Gauleiters erfolgreich gegen die Gleichschaltung durch NS-Institutionen gewehrt – doch bei dieser „Narrenrevolte“ ging es lediglich um die organisatorische Eigenständigkeit, Inhalte standen nicht zur Debatte. Von nun an marschierten Liessem und Gauleiter Grohé sozusagen im Gleichschritt. Als Dank für die Gewährung formaler Unabhängigkeit folgte ein Akt der Willfährigkeit nach dem anderen. Im Rosenmontagszug von 1936 fuhr einer der perfidesten Wagen mit, der je im Karneval präsentiert worden ist: Mit Bezug auf die Nürnberger Rassengesetze wurden die entrechteten und ausgegrenzten Juden in übelster Weise verhöhnt: „Dem haben sie auf den Schlips getreten“, lautete die zynische Parole. Fortan gab es keinen Rosenmontagszug, in dem nicht Bankiers mit langen Bärten als Bestandteil des „internationalen Finanzjudentums“ bloßgestellt wurden. Juden stellte man als hakennasige Fratzen dar, die in die Wüste geschickt werden sollten.

Ein in jeder Hinsicht provisorischer Zug
Nach dem Krieg will man von all dem nichts mehr wissen. Über den 1936 verstorbenen Willy Ostermann, der ebenfalls NSDAP-Mitglied gewesen war, heißt es in echt kölscher Logik: „Der war zwar in der Partei, ävver keine Nazzi!“ Dass Liessem 1947 im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens ein zweijähriges Rede- und Auftrittsverbot erhält, regt in Köln niemanden auf. Als im Januar 1949 die Vorbereitungen für die „Kappenfahrt“, die man nach den Erfahrungen eines im Vorjahr durchgeführten Umzugs der Roten Funken angekündigt hat, ins Stocken geraten, bittet Interims-Präsident Albrecht Bodde den umtriebigen Liessem, Zugleiter zu werden. Liessem fordert ein alleiniges „Bestimmungsrecht“ – und zieht nun alle Fäden an sich; „All das, was er allein bewältigen konnte, nimmt er selbst in die Hand.“ So beschreiben die Historiker Michael Euler-Schmidt und Marcus Leifeld (in ihrem Buch „Der Kölner Rosenmontagszug 1949-2009“) Liessems Arbeitsweise. „In den wenigen noch verbleibenden Tagen arbeiteten die Karnevalisten Tag und Nacht, Frauen nähten, gipsten und malten nach Entwürfen altbewährter Künstler.“

Und so bahnt sich am 28. Februar, von den Zuschauern begeistert gefeiert, ein in jeder Hinsicht provisorischer Zug durch die Stadt – es fehlen Musiker, es gibt kaum Kamelle, auch Kostüme und Uniformen sind Mangelware, von den mehr als 100 Roten Funken sind immerhin 71 komplett uniformiert. Hans Völler, langjähriger Literat der Blauen Funken, hat einmal erzählt, die Leute hätten auf den Trümmerbergen gefroren, „viele hatten keine Winterkleidung – und selbst Prinz Theo war von beklagenswerter Gestalt.“
Die Mottowagen thematisieren in erster Linie die Mängelwirtschaft der Zeit, so macht sich der Wagen der Kölnischen Karnevalsgesellschaft von 1945 über die Folgen der Nachkriegsernährung aus Datteln, Maismehl und Kubazucker lustig. Der Wagen der Lyskircher Junge beschäftigt sich mit der „Demont-Asch“ – da bearbeitet John Bull, der Brite, das nackte Hinterteil des deutschen Michel mit einem Hobel. Die Kölsche Grielächer nehmen Karl Berbuers Sessionshit „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ als Motto – ob die Vertreter der Besatzungsmächte, für die man eigens eine Tribüne errichtet hat, darüber lachen können – wer weiß das schon? Weil erst zehn Prozent der Trümmer in der Innenstadt beseitigt sind, kann man den Neumarkt als Aufstellungsplatz nicht nutzen, der Zug geht um 13 Uhr vom Hahnentor zum Neumarkt, von da durch Aposteln- und Ehrenstraße zum Hohenzollernring, über Friesen- und Zeughausstraße zum Bahnhofsvorplatz, über Komödien- und Christophstraße zurück zum Ring, ehe er sich nach einigen Schleifen rund um den Barbarossaplatz an Rudolfplatz und Hahnenstraße auflöst.

Trotz aller Mängel: Die „erweiterte Kappenfahrt“ ist ein großer Erfolg, der Ratspolitiker Peter Joseph Schaeven (CDU) sagt später, Karneval sei der Ausdruck „unerhörter Kölner Lebensfreude, Kölner Lebenskraft“. Nach dem Domfest des Jahres 1948 ist dieser Rosenmontagszug das zweite „Lebenszeichen“ einer Stadt, deren Bevölkerung wieder optimistisch in die Zukunft schaut – mit großer Berechtigung zählen Euler-Schmidt und Leifeld die „erweiterte Kappenfahrt“ zu den „bedeutendsten Rosenmontagszügen überhaupt“. „Dieser Zug war wirklich was Besonderes“, sagt auch Paula Filz. „Und hinterher gab es Erbsensuppe, da hab’ ich mich den ganzen Tag drauf gefreut.“

--
Langzeitstudentin der Toleranz!


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum